Liebe Freunde,
über einen Monat habe ich nichts mehr von mir hören lassen, dass lag im wesentlichen daran, dass es relativ wenig Spektakuläres zu berichten gibt. Mittlerweile habe ich mich in meiner neuen Familie sehr gut eingelebt und fühle mich auch sehr wohl. Ich wohne mit einer älteren Dame und ihrer Tochter zusammen in einem Haus in Lumbisi (bzw. kurz davor) im schönen Tal „Los Valles“. Im Gegensatz zu meiner ersten Behausung ist die Landschaft hier auch sehr schön (viel Grün mit Weiden) und es ist etwa drei Grad wärmer, was Laune und Bräune gleichermaßen ansteigen lässt. Von meiner Arbeitstätte wohne ich etwa 10 Minuten Busfahrt entfernt, alles in allem also eine sehr angenehme Situation.
Die Arbeit:
Nach wie vor arbeiten Kai und ich am Colegio und unterrichten im Wesentlichen Englisch und Sport. Die Zusammenarbeit mit den (fast ausschließlich) jungen Lehrern klappt hervorragend, so dass das Klima insgesamt sehr entspannt ist.
Sport unterrichten wir alleine mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen. Leider gibt es lediglich einen asphaltierten Platz mit Basketballkörben und einem Volleyballnetz, Bodenturnen fällt also flach. Auch die deutschen Klassiker wie Brennball, Völkerball oder Kettenfangen sind wegen mangelndem Platz, Gerätschaften und nicht zuletzt fehlender motorischer Fähigkeiten unserer „Mädels“ nicht realisierbar. So Spielen wir meistens Basketball oder Volleyball und zensieren dementsprechend Zielsicherheit und Unterrichtsbeteiligung. Das gängige Vorurteil, dass der gemeine Südamerikaner nicht besonders sportlich sei, bestätigt sich voll und ganz. Oft wird über plötzlich auftretende Bauch-, Kopf- oder sonstige Gliederschmerzen geklagt, um sich dem Unterricht zu entziehen. Mein persönlicher Favorit war bisher ein 14-jaehrige gut gebräunte Schülerin die auf einmal beteuerte sie habe eine Sonnenallergie. Zur Ehrenrettung sollte jedoch gesagt werden, dass die Sonne hier auf 2300 Metern zuweilen etwas stärker scheint als in Deutschland, es wird also teilweise recht warm beim Sport, ob dieser Umstand jedoch Allergien hervorruft sei mal dahingestellt…
Der Englischunterricht bewegt sich nicht annähernd auf dem uns bekannten Niveau, wir machen aber zumindest kleine Fortschritte. Letzte Woche hatten wir die ersten Trimester Examen, die allesamt eher bescheiden ausfielen. Für die nächsten drei Monate haben Kai und Ich nun ein inhaltliches Gesamtkonzept mit Zwischentests erarbeitet um hoffentlich etwas bessere Arbeitsergebnisse zu erzielen. Wie im Sport ist auch im Englischunterricht das Interesse der Mehrheit kaum vorhanden, so dass es oberstes Gebot ist, den Haufen zur Ruhe zu bringen um dann zu versuchen simpelste Grammatik zu vermitteln. An dieser Stelle möchte ich allen vollzeit Pädagogen meinen Respekt aussprechen, ich würde das nie ein Leben lang machen wollen, schon gar nicht für das Geld was an deutschen Problemschulen fuer gewoehnlich gezahlt wird…
Es sollte jetzt allerdings nicht der Eindruck entstehen, mir würde die Arbeit keinen Spaß machen, es ist schon eine gewisse Herausforderung und man hat auch Erfolgserlebnisse, über die man sich freut.
In meiner Freizeit:
Seit Anfang November habe ich nun auch ein Fitnessstudio gefunden, in dem ich dreimal pro Woche trainiere. Es liegt etwa eine halbe Stunde von Cumbaya entfernt im Norden Quitos, bietet dafür aber nicht nur ein paar Hanteln sondern auch Sauna, Dampfsauna, Schwimmbad und Maniküreservice, den ich allerdings noch nicht in Anspruch genommen habe. Die Ausstattung lässt sich also als „completo“ bezeichnen, die Geräte kommen allerdings nicht an die der geliebten Factory in Hannover heran (teilweise schleifen die Gewichte, was speziell bei Lat-Zügen störend auffällt). Die obligatorischen Fitnessproleten trifft man ebenfalls regelmaessig an, so dass es sich schon fast heimisch anfühlt.
Auf Reisen:
War ich eigentlich recht wenig im November. Einzige Ausnahme bildete ein Trip mit meinem Gastcousin Roberto nach Santo Domingo. Das Staedchen liegt etwa 2 Std. vor der Küste, gehört klimatisch aber schon zur Region „Costa“. Dort kamen wir abends an und verzehrten zunächst eine Art Döner, dessen Verkäufer natürlich auch mal in Deutschland gelebt hatte, was ein Zufall. Später am Abend gerieten wir in eine Polizeisperre, was mich in leichte Beunruhigung versetzte, da ich meine Papiere vergessen hatte und die martialisch bewaffneten Polizisten nicht so aussahen als würden sie sich mit meinem restlichen Hartgeld zufrieden geben. Zum Glück hatte ich ja Roberto dabei und der hat das dann irgendwie geregelt, ich weiß bis heute nicht wie.
Auf den Schock haben wir dann jedenfalls einen für die Region typischen Aguadiente getrunken.
Mit leichten Kopfschmerzen machten wir uns am nächsten Tag auf, um einige Besorgungen in der Region zu tätigen. Roberto (27) und sein Vater betreiben nämlich eine Art Ranch mit Kühen, Ziegen und sonstigem Getier, was aber eher Zeitvertreib und Nebenerwerb ist.
So fuhren wir durch eine grüne Landschaft, die durch den Anbau tropischer Früchte und sonstigem Gemüse geprägt ist. Insgesamt sind die Menschen an der Küste wesentlich ärmer als im Hochland, scheinen aber trotzdem zufriedener. Liegt vermutlich an mehr Sonne und weniger Regen.
Am nächsten Tag sind wir dann auch schon wieder zurück, für unsere nächste Tour planen wir allerdings mehr Zeit ein, so dass wir dann auch ans Meer kommen um ein Ründchen zu schwimmen.
Das Leben hier macht also Spaß und ich freue mich auf meine verbleibenden 7 Monate, die ich hier verbringen werde. Wie immer freue ich mich über jede Mail, die ich dann je nach Verfügbarkeit des Internets auch beantworte. Dieses Wochenende hatten wir leider mal wieder kein Internet, da irgendwo ein Blitz einen Verteiler zerlegt hat, aber das kompetente Personal der „Telecable“ arbeitet derzeit an einer Lösung, ich bin also hoffentlich bald wieder erreichbar.
Beste Grüsse aus der Ferne, euer Jakob